3. November 2017

Duale Ausbildung stärken, Unternehmertum fördern!

Zum Antrag der Fraktion der CDU - Drucksache 6/4160

 

Sehr geehrter Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, das, was Kollegin Muhsal hier am Pult gesagt hat, hat mich dann doch noch mal vorgetrieben. Das zeugt nämlich von einer völligen Unwissenheit und völligen Ignoranz der tatsächlichen Welt.


(Beifall DIE LINKE)


Das ist nicht weiter verwunderlich. Wenn ich mich richtig erinnere, aus dem Wahlkampf haben Sie angegeben, dass Ihr Vater Rentier ist, also er lebt von seinen Einkünften. Wenn man natürlich aus so einer Familie kommt, dann ist es natürlich ein Problem, die tatsächliche Arbeitswelt irgendwann mal kennengelernt zu haben.


(Zwischenruf Abg. Muhsal, AfD: Herr Wolf, das stimmt nicht!)


Präsident Carius:


Sehr geehrter Herr Wolf, vielleicht sollten wir die Familien von Kollegen mal einfach grundsätzlich außen vor lassen. Das wären eine herzliche Bitte und auch eine dringende Aufforderung, ja?


Abgeordneter Wolf, DIE LINKE:


Ja, das war nur eine Erinnerung.


Aber insgesamt zeichnet sich doch diese Fraktion dadurch aus, dass der Fraktionsvorsitzende verbeamteter Lehrer ist und der Stellvertreter bzw. PGF Jurist und seine Stellvertreterin Juristin, also nicht ein Mal mit der tatsächlichen Arbeitswelt konfrontiert.


(Heiterkeit und Unruhe AfD)


Hier wird von Akademisierungswahn fabuliert – und ich muss bekennen: Ich bin ein tätiges Opfer des Akademisierungswahns. Ich hab nämlich irgendwann mal, ganz am Anfang, einen Beruf gelernt. So, und ich hab darin auch lange gearbeitet – da habe ich Ihnen viel voraus –,


(Unruhe AfD)


bin dann über den zweiten Bildungsweg gegangen, hab noch mal studiert …


Präsident Carius:


Liebe Kollegen von der AfD-Fraktion, ich kann ja die Unruhe verstehen, aber ich bitte doch um etwas mehr Aufmerksamkeit für den Redner.


(Zwischenruf Abg. Kuschel, DIE LINKE: Ich kann die Unruhe nicht verstehen!)


Abgeordneter Wolf, DIE LINKE:


Es ist schon bemerkenswert, dass das, was diese Gesellschaft hier über die letzten 50, 60, 70 Jahre auch mit Kraft der Arbeiterbewegung geschafft hat, nämlich dass Menschen aufgrund Ihrer Möglichkeiten, Ihrer Fähigkeiten auch tatsächlich als gesellschaftliche Anerkennung, nämlich im Beruf weiterzukommen, zu studieren – das war nämlich früher Arbeiterkindern überhaupt nicht möglich –, heutzutage diffamiert wird von einer Fraktion, ich habe sie eben schon beschrieben, mit einem Begriff „Akademisierungswahn“. Das ist schon wirklich unfassbar. Sie hat also nicht nur keine Kenntnisse darüber, wie wir zukünftig arbeiten werden


(Beifall DIE LINKE)


in der digitalisierten Gesellschaft, was wir zukünftig für Berufe brauchen, wie sich Berufe auch verändert haben. Ich könnte heute meinen Beruf gar nicht mehr ausüben, den ich mal erlernt habe, weil ich 20 Jahre da drin nicht war, erstens, aber natürlich auch, weil sich der Beruf selbst auch verändert hat. Ich müsste ihn völlig neu erlernen. Da sind ganz andere Fähigkeiten, ganz andere Konzepte gefragt, wo heutzutage ein ganz normaler Facharbeiter schon fast eine Technikerausbildung, Hybridberufe benötigen. Das zeigt, dass der Akademisierungswahn völlig die falsche Vokabel ist, völlig der falsche Begriff. Wenn Sie sagen, ein Azubi-Ticket wäre ein Anreiz, um einen Beruf zu erlernen, dann sage ich: Ja, das ist ein Anreiz, damit wir den jungen Menschen und auch den Betrieben helfen können, hier auch in Thüringen sich besser zur orientieren und die Kosten, die nicht immer von den Betrieben übernommen werden, auch tatsächlich zu senken. Aber keiner – also das müssen Sie mir wirklich mal zeigen –, keiner ergreift einen Beruf als Lebensentscheidung, weil es ein Azubi-Ticket gibt. Aber hallo, wo gibt es denn so etwas! Ein Azubi-Ticket ist ein guter Anreiz, aber wenn ich mich für einen Beruf entscheide, frage ich mich nach meinen Neigungen und Fähigkeiten, aber doch nicht, ob ich dann irgendwo kostenlos fahren kann. Was ist denn das für ein Verständnis von Beruflichkeit! Aber das setzt natürlich voraus, dass man als Juristin irgendwann nur den Hörsaal gesehen hat und von der Arbeitswelt keine Ahnung hat.


Nein, was wir brauchen – und da können wir gern mit der CDU im Ausschuss diskutieren –, ist tatsächlich so etwas wie einen Blick in die Arbeitswelt. Der Ministerpräsident hat gestern von VACOM berichtet, ein Betrieb in Ostthüringen. Da ist es zum Beispiel üblich, nicht nur Betriebskindergarten, sondern dass die Kinder auch ihre Eltern an ihrem Arbeitsplatz besuchen können. Die erleben es tagtäglich, die können dahin gehen und können sehen, wie arbeitet meine Mutter, wie arbeitet mein Vater, die können schon einmal in den Betrieb reinschnuppern, das ist aktive Nachwuchswerbung, so interessiert man junge Menschen für Berufe. Das ist eine gute Sache. Da sage ich, da hat sich ein Unternehmen wirklich etwas einfallen lassen, ist auf einem guten Weg und das sollten wir fördern, diese Möglichkeiten, dort auch in die Berufswelt hineinzukommen.

Zum Thema „Schließung von Berufsschulstandorten“: Diese Landesregierung hat sich der Verantwortung gestellt, der Entwicklung bei den Berufsschülern auch tatsächlich gerecht zu werden. Wenn wir feststellen, dass wir nahezu die doppelten Kosten an den Berufsschulen haben wie bundesweit üblich, da muss irgendetwas in Thüringen gehörig schiefgelaufen sein. Das hat etwas damit zu tun, dass wir schlicht und einfach aufgrund der demografischen Entwicklung – die Kinder wurden nie geboren –, dass wir heute weniger Kinder oder junge Menschen an den Berufsschulen haben, nämlich im Vergleich zu den letzten 15 Jahren nur noch die Hälfte. Das ist doch völlig logisch, dass man da ein Berufsschulnetz anpassen muss. Ja was denn sonst! Wer das negiert, der macht dem Wähler, aber der macht auch dem Steuerzahler etwas vor. Wir brauchen auch die Ressourcen in anderen Systemen.


Letzter Punkt dazu: Wenn wir einmal in die Berufsschulen gucken und uns fragen – das ist auch von der CDU thematisiert worden –, was wir denn dort an Fachlehrern haben und was denn da in den nächsten Jahren nachkommt und wer ausscheidet, da sage ich, da gibt es ganz große Herausforderungen für uns hier in Thüringen, das zu bewältigen, die Dualität tatsächlich noch abzubilden, damit die Betriebe, aber auch die jungen Menschen wissen: Der wesentliche Faktor im deutschen Ausbildungssystem, wofür wir international auch anerkannt werden, die Dualität muss abgesichert werden. Das heißt für uns, dass wir mit einem moderneren angepassten Berufsschulnetz dort agieren und natürlich auch mehr in Richtung Seiten- und Quereinstieg machen müssen und gucken müssen, wie wir dort diejenigen, die heute die Fähigkeiten haben, Ingenieure, aber natürlich auch diejenigen, die zum Beispiel aus dem Gymnasialbereich dort an den Berufsschulen arbeiten könnten, dass wir die befähigen können, die auch an die Berufsschulstandorte leiten, damit dort auch Unterricht abgesichert wird.


Aber dem, was Sie hier gebracht haben, Frau Muhsal, war es wirklich nicht wert zuzuhören.


(Beifall DIE LINKE)

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