10. April 2017

Das beste Rezept gegen Gewalt: Gute Schule Ein Fachgespräch zum breiten Problemfeld „Gewalt und Mobbing an Schulen“

Selten wird öffentlich darüber geredet, und das Beste wäre, es gäbe dieses Thema überhaupt nicht. Dennoch weiß jeder, dass es vorkommt und ein dickes Problem werden kann: Gewalt und Mobbing an Schulen. Gewalt und Mobbing unter Schülern, Gewalt von Schülern gegen Lehrer, mitunter auch Gewalt von Lehrern gegen Schüler.  Diesem breiten Problemfeld hatte sich am 9. März eine Fachveranstaltung im Thüringer Landtag angenommen, die auf Einladung der bildungspolitischen Sprecher der Fraktionen DIE LINKE und Bündnis 90/Die Grünen, Torsten Wolf und Astrid Rothe-Beinlich, stattfand und Bildungspolitik, Landesverwaltung, Expertinnen und Experten sowie Praxisvertreter zusammenführte.

In seinem Einführungsbeitrag erläuterte der anerkannte Gewaltforscher und Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Wilfried Schubarth von der Universität Potsdam zunächst den wissenschaftlichen Stand zu Ursachen und Erklärungsmodellen dieser Phänomene, im weiteren ging er auf verschiedene Handlungs- und Reaktionsmöglichkeiten ein.  

Für die öffentliche oder halb-öffentliche Auseinandersetzung etwa im Schulverbund empfahl er zunächst, strikt die Opfer-Perspektive zu bevorzugen. Zum Erstaunen mancher Zuhörer waren seine Hinweise in Bezug auf Prävention sehr grundsätzlicher Art: hierzu gehöre, dass alle Akteure, vor allem aber die Lehrer, den Erziehungsauftrag von Schule nicht infrage stellen, sondern ausdrücklich anerkennen und wertschätzen sollten. Lehrer und Schüler sollten sich gemeinsam eine klare Definition erarbeiten, was unter Mobbing und was unter Gewalt zu verstehen sei.

 

Es geht immer um gelingendes Aufwachsen, nicht aber um vermehrte Kontrolle

Notwendig sei an jeder Schule die Ausprägung eines Klimas, das dem Wegschieben von Problemen und Verstößen begegne. Auf diese Voraussetzungen könne man dann auch eines der vielen existierenden Programme aufbauen, um jeweils konkret an einer Schule Probleme zu bearbeiten. In Brandenburg etwa führten Schulsozialarbeit und Lehrerschaft bestimmter Schulen ein solches Projekt über ein halbes Jahr durch.

Schubarth verwies aber auch darauf, dass die schulinternen Ursachen von Gewalt und Mobbing gegenüber den gesellschaftlichen und zum Teil individuellen Ursachen weniger gewichtig sind: nach Erkenntnissen von Forschern machen sie nur etwa 20 Prozent der Ursachen aus. Er fasste zusammen: „Bei der Erreichung eines guten Schulklimas, das keinen zurücklässt, geht es immer um ein gelingendes Aufwachsen, nicht aber um vermehrte Kontrolle. Spezielle Programme können helfen, entscheidend ist aber die Qualität von Schule.“ Die Schulverwaltung sei gefordert, diese Prozesse zu unterstützen, für den konkreten Fall aber auch mit mobiler Beratung zu helfen. Lehrerinnen und Lehrer müssten ermutigt werden, sich Rat und Unterstützung zu holen. In einigen Kommunen habe man mit außerschulischen Vernetzungen (Präventionsketten) gute Erfahrungen gemacht. Auch der Lehrplan spiele eine Rolle. So lege man in Brandenburg Wert darauf, dass Konfliktfähigkeit schon im Grundschulalter geübt werde.

Das Thüringer Bildungsministerium verwies darauf, dass es bei den gemeldeten Vorkommnissen von Gewalt und Mobbing regionale Häufungen gebe. Die Schulen würden mit Beratung und Förderplänen unterstützt. Sehr wichtig seien Schulpsychologen und die seit einigen Jahren in einem längeren Prozess ausgebildeten mittlerweile fast 2.000 Beratungslehrer, die als erste Ansprechpartner sowohl für Schüler als auch für Kollegen zur Verfügung stünden. Durch eine Reihe von Projekten würden Lehrkräfte gestärkt und die Entwicklung einer demokratischen Schulkultur unterstützt. 

 

Vorbildrolle der Erwachsenen muss empathisch und wertschätzend ausgefüllt werden

Die Einschätzungen von Prof. Schubarth wurden in der nachfolgenden Diskussion eindringlich unterstützt, so von den Schulamtsleitern von Mittel- und Nordthüringen, Ralph Leipold und Dr. Bernd Uwe Althaus. Die Vorbildrolle der Erwachsenen müsse empathisch und wertschätzend ausgefüllt werden: „Keine Bloßstellung, Gängelung, Demütigung.“ Es komme darauf an, einer demokratischen werteorientierten Schulentwicklung Raum zu geben. Um eine Schulkultur zu ändern, brauche es fünf bis zehn Jahre. Andererseits sei Mobbing ein schwerwiegender Vorwurf, für den es eine klare Definition brauche.

Direktor Dr. Andreas Jantowski vom Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplan und Medien (THILLM) berichtete, dass in der Lehrerfortbildung in Bezug auf Prävention und Reaktion auf Gewalt und Mobbing schon viel passiere – im letzten Jahr gab es ca. 35 Veranstaltungen –, aber der Bedarf sei vielfach höher. Zuerst komme für den Lehrer die Aufgabe, solche Phänomene bewusst wahrzunehmen, dann fachlich richtig zu reagieren. Ein besonderes Problem seien anonyme Hassangriffe im Internet, sowohl gegen Schüler als auch gegen Lehrer.

In der weiteren Diskussion kam zur Sprache, dass beobachtet werde, dass die Fälle von Gewalt und Mobbing nicht an Häufigkeit, aber an Intensität zunähmen. Oft sei bei Lehrern und Mitschülern immer noch viel Hilflosigkeit anzutreffen. Höhere Anforderungen müssten zudem an die Lehrerausbildung gestellt werden, wo zwar gutes Fachwissen vermittelt werde, aber viele Fragen, die die Funktion von Schule und das Schüler-Lehrer-Verhältnis betreffen, einfach zu kurz kommen.

Zu den Anregungen aus der Diskussion gehörte, neben der Wertevermittlung auch mehr kulturelle Bildung an die Schulen zu bringen, das Streitschlichter-Programm für Schüler auszuweiten, für Beratungslehrer und Lehrkräfte im Unterstützungssystem mehr Zeitressourcen zur Verfügung zu stellen und das Ziel wieder zu verfolgen, Schulsozialarbeit an jeder Schule umzusetzen. Auch Sport habe Potentiale, Aggressionen entgegenzuwirken.

Am Ende war man sich einig: Gewalt und Mobbing gibt es nicht nur an Schulen, aber auch an Schulen, und auch darum muss sich Bildungspolitik kümmern. Das Versprechen ist da, weiter im Gespräch zu bleiben und die im Fachgespräch eindeutig herausgearbeitete Linie, wie diesen Problemen begegnet werden muss, weiter zu verfolgen.

Dr. Steffen Kachel

Zu den Ergebnissen des Fachgesprächs, hatten Torsten Wolf und Astrid Rothe-Beinlich in einer Pressemitteilung erklärt:

„Auch in Thüringen haben die Schulen mit den Phänomenen Gewalt und Mobbing zu tun. Eine wichtige gemeinsame Erkenntnis in der Diskussion war zunächst, dass die Debatte vor allem sachlich geführt werden muss. Das Thema sollte weder bagatellisiert noch dramatisiert werden. In ganz Deutschland und auch in Thüringen wurden in den letzten Jahren verschiedene Programme zur Gewaltprävention und -intervention entwickelt. Deutlich wurde zudem, dass die Schulen kontinuierlich Unterstützung bei der Umsetzung dieser Programme benötigen.

Vor allem geht es um Schulqualität insgesamt. Dort wo eine demokratische, weltoffene und wertschätzende, die Probleme des Einzelnen ernstnehmende Schulkultur besteht, treten erfahrungsgemäß seltener Fälle von Gewalt und Mobbing auf. Aufgabe des Landes ist es hier, die Schulen mit Multiprofessionalität und bei der Schulentwicklung zu unterstützen. Um das zu erreichen, braucht es ausreichend Ressourcen für Beratungslehrkräfte, Unterstützung durch Schulsozialarbeit und Schulpsychologie sowie die gemeinsame Arbeit der Lehrkräfte, Eltern und Schüler an einem guten Schulklima. Auch stellt sich die Frage, wie der Erziehungsauftrag bereits in der Lehrerbildung stärker verankert werden und die Übernahme zusätzlicher Aufgaben, wie die der Beratungslehrkraft, stärker anerkannt werden kann.“

An der Diskussion hatten auch Vertreter von GEW, Philologenverband, Landeselternvertretung, Landesschülervertretung, der evangelischen Schulstiftung, der Uni-Klinik Jena und der Universität Jena und Schulleiter teilgenommen.                                                                            

Quelle: http://www.torsten-wolf-jena.de/nc/start/aktuell/detail/artikel/das-beste-rezept-gegen-gewalt-gute-schule-ein-fachgespraech-zum-breiten-problemfeld-gewalt-und-m/